Gesund leben mit Krebs – geht das?

Gespräch mit Prof. Dr. med. Daniel Betticher Chefarzt – Allgemeine Innere Medizin – HFR Freiburg – Kantonsspital Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Medizinische Onkologie

Prof. Bettichers Ausbildung und Praxis sind geprägt durch sein Engagement für die Weiterentwicklung im Bereich der Onkologie. In diesem Zusammenhang erhielt der Mediziner verschiedene Stipendien für Forschungsarbeiten, insbesondere vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, von der Royal Society of England (UK) sowie von Oncosuisse.

Nachdem er von der Universität Bern 2001 zum Titularprofessor und 2004 zum Honorarprofessor ernannt wurde, unterrichtet er als Titularprofessor seit 2008 und ordentlicher Professor seit 2020 an der Universität Freiburg, insbesondere im Rahmen des Masterstudiengangs Humanmedizin, der seit 2019 angeboten wird.

Was für viele Menschen unmöglich klingt, kommt in der onkologischen Praxis durchaus sehr häufig vor. In diesem Zusammenhang müssen wir zuerst erklären, wie Gesundheit definiert ist und welche Kriterien dazu verwendet werden. Gesundheit ist nicht als das Fehlen einer Krankheit oder eines Gebrechens zu verstehen, sondern wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens definiert.

Es mag für Außenstehende oder Laien unglaublich klingen, aber für viele Krebspatienten trifft dies zu.

Natürlich ist für den betroffenen Menschen eine Krebsdiagnose ein einschneidendes Urteil, das zuerst einmal verarbeitet werden muss. Auch führt die Krebsdiagnose zu tief greifenden Veränderungen in vielen Lebensbereichen.

Angehörige müssen informiert, Arbeits- und Lebensverhältnisse zumindest während der Therapiemassnahmen angepasst werden. Was es heißt, mit einer Erkrankung „gesund leben zu können“, verdeutlicht am besten das Beispiel eines Bluthochdruckpatienten, der gut mit Medikamenten wie Betablockern oder ACE-Hemmern eingestellt ist. Die Krankheit ist da, aber aufgrund der medikamentösen Therapie verspürt dieser Patient keinerlei gesundheitliche Einschränkungen.

Er geht sogar weiter seiner beruflichen Tätigkeit und Freizeitaktivitäten nach und ist auch in seinem sozialen Umfeld vollkommen integriert – laut den WHO-Kriterien gilt er somit als gesund. Im Bereich der Krebstherapie ist das Ganze sicher etwas komplexer, jedoch gibt es Patienten, die durch eine System-, Chemo- oder Bestrahlungstherapie weiterhin über einen langen Zeitraum „gesund weiterleben können“ und auch über keine der oben beschriebenen Einschränkungen klagen. Die Krebstherapie unterliegt einem starken und ständigen Wandel und das, was vor sechs Monaten als Standardtherapie angewandt wurde, muss heute nicht mehr gelten.

Aktuell kommen viele neue Substanzen auf den Markt, die bei unterschiedlichen Genmutationen bei verschiedenen Krebsarten wirken. Aber auch mit diesen modernen Krebstherapien werden wir die Krebszellen nicht vollständig eliminieren können. In diesem Zusammenhang müssen wir zusätzlich berücksichtigen, dass das Vorhandensein von Krebszellen nicht immer von grosser Bedeutung ist. Das beste Beispiel dafür ist das Prostata-Karzinom: Wenn man die Prostata von einem 50-jährigen Mann untersucht, wird man in 30–40 % der Fälle Krebszellen in der Prostata nachweisen können. Bei Männern im Alter von über 70 Jahren sind sogar in fast 80 % der Untersuchungen Krebszellen vorhanden. Dies ist im Übrigen auch der Grund dafür, warum ich als Onkologe sowie viele Fachgesellschaften von einer Prostata-Vorsorgeuntersuchung für alle Männer abrate. Allerdings verhält sich dies beispielsweise bei der Darmkrebsvorsorge vollkommen anders.

Waren frühere Tests zum Nachweis von Blut im Stuhl wenig zuverlässig und zeigten sogar einen positiven Befund an, wenn man am Vortag Blutwurst gegessen hatte, so ist heutzutage der immunologische Bluttest (FIT) eine sehr zuverlässige Screening-Methode und die Darmspiegelung (Koloskopie) bleibt der Goldstandard in der Früherkennung von Dickdarmkrebs zusätzlich können via Darmspiegelung Krebsvorstufen direkt lokalisiert und entfernt werden (sogenannte Polypen). Bei Darmkrebs besteht eine hohe Heilungschance, wenn dieser früh genug erkannt wird, und deshalb unterstützen wir und die Fachgesellschaften geeignete Vorsorgeuntersuchungen.

Viele Patienten wissen nicht, dass die medizinische Onkologie langfristig in den meisten Fällen palliativ helfen kann! Das Wort palliativ kommt vom Latienischen: „pallium“, Mantel, der den Tumor zudeckt, man spürt ihn nicht, man hat keinerlei Beschwerden.

Als palliativ bezeichnet man also eine medizinische Behandlung, die nicht auf die Heilung (= definitive und komplette Elimination der Krebszellen) einer bestehenden Grunderkrankung abzielt, sondern auf die Reduzierung der Folgen der Krankheit (Palliation). Oft wird das Wachstum des Tumors verlangsamt oder zumindest vorübergehend ganz gestoppt.

Bei den allermeisten soliden Tumoren ist prinzipiell nur die Chirurgie, allenfalls in Verbindung mit anderen Therapiemassnahmen (z. B. einer Chemotherapie), kurativ und kann den Krebs heilen. Ob eine OP infrage kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Neben der Lage des Tumors ist ein weiteres entscheidendes Kriterium, ob der Tumor bereits metastasiert hat, also sich im Körper bereits ausgebreitet hat. Dasselbe gilt für den Lungenkrebs.

Das Lungenkrebszentrum hier im Kantonsspital Freiburg kooperiert sehr eng mit der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie in Bern. Damit verfolgen wir das Ziel, unseren Patienten ein umfassendes und interdisziplinäres Therapieangebot anbieten zu können.

Dies beinhaltet auch, dass viele thoraxchirurgische Eingriffe in Freiburg durchgeführt werden und nur sehr komplexe oder schwierige Operationen im Inselspital erfolgen.

Aber auch dann profitieren unsere Patienten von der interdisziplinären Ausrichtung unseres Zentrums in Freiburg, denn alle notwendigen diagnostischen und vorbereitenden Massnahmen vor grossen thoraxchirurgischen Operationen, die gesamte Nachsorge sowie allfällige zusätzliche Therapiemassnahmen (z. B. weitere Chemo- oder Bestrahlungstherapien) können auf höchstem Niveau im Kantonsspital Freiburg durchgeführt werden.

Das schliesst vor allen Dingen jene Patienten ein, bei denen die Krebserkrankung schon weit fortgeschritten und eine Heilung nicht mehr möglich ist. In diesen Fällen kommt die Palliativmedizin zum Tragen, wobei auch in dieser Krankheitsphase die Lebensqualität hoch bleiben soll und die Behandlung von Schmerzen und Atemnot im Vordergrund steht. Gerade bei Lungenkrebs kommt es überdurchschnittlich häufig zu solchen Situationen.

Besonders bedrückend bei Lungenkrebs ist eine Tatsache, die nicht von der Hand zu weisen ist:

„Wenn alle Menschen aufs Rauchen verzichteten, würden 80 % der Lungenkrebsdiagnosen wegfallen!“

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