Psychoonkologische Betreuung hilft PatientInnen und Angehörigen!

Gespräch mit Lic. phil. Barbara Bill-Schatzmann, Psychologin 

Eine Krebsdiagnose verändert das Leben von PatientInnen und deren Angehörigen plötzlich und gravierend.

Es sind häufig auch die psychischen und seelischen Belastungen, die jetzt gemeistert werden müssen und bei denen die psychoonkologische Betreuung in vielerlei Hinsicht unterstützen kann. 

Thorax Schweiz sprach mit der Psychologin Barbara Bill-Schatzmann über ihr Aufgabengebiet und darüber, wie PatientInnen und Angehörige von dieser Unterstützung profitieren können.

Das psychoonkologische Team des Inselspitals Bern unter Leitung von Prof. Dr. phil. Jürg Bernhard ist der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie angeschlossen und unterstützt PatientInnen und Angehörige nach einer Krebsdiagnose individuell und in einer geschützten Gesprächsatmosphäre.

Die psychoonkologische Betreuung hat sich in vielen Spitälern etabliert. Worin bestehen die Aufgaben dieser medizinischen Fachrichtung und können alle KrebspatientInnen diese Betreuung hier im Inselspital in Anspruch nehmen?

Bei unserer Arbeit befassen wir uns mit den psychischen und sozialen Folgen von Krebskrankheiten. Die Psychoonkologie unterstützt die PatientInnen darin, den für sie passenden Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln. Unsere Unterstützung wird aber auch den Angehörigen von PatientInnen angeboten, da eine Krebserkrankung meist nicht nur die PatientInnen, sondern auch deren ganzes familiäres Umfeld betrifft.

Das Arbeitsfeld ist weit und unsere Unterstützung basiert auf dem Leitsatz «als Mensch im Mittelpunkt». Wir arbeiten ambulant und stationär und richten uns nach den Bedürfnissen und Anliegen unserer PatientInnen. Wir bieten Unterstützung

  • bei der persönlichen Orientierung in der veränderten Lebenssituation,
  • im Umgang mit Nebenwirkungen und Folgen durch die verschiedenen Therapien (z. B. Fatigue),
  • bei der Bewältigung von Krankheitsfolgen im privaten und beruflichen Alltag (enge Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst des Spitals),
  • im Umgang mit psychischen Belastungen (Ängste, Rezidivängste, Hoffnungslosigkeit, Depressivität),
  • bei der Entscheidungsfindung,
  • im Umgang mit krankheitsbedingten Belastungen innerhalb der Familie und mit dem/der Partner/-in,
  • bei der Auseinandersetzung mit Wertvorstellungen und existenziellen Fragen, 
  • bei Gesprächen mit schwierigem Inhalt,
  • bei Bedarf durch vertiefte Begleitung in Form einer psychotherapeutischen Behandlung, inkl. ggf. medikamentöser Therapie.

Im Inselspital können alle PatientInnen und deren Angehörige unseren Dienst in Anspruch nehmen. Häufig begleiten wir die PatientInnen nach einem stationären Aufenthalt auch ambulant weiter.

Welche spezielle Ausbildung müssen PsychologInnen durchlaufen, um sich für diesen sensiblen und anspruchsvollen Bereich zu qualifizieren?

Grundsätzlich haben PsychoonkologInnen eine Weiterbildung in einer der verschiedenen Psychotherapierichtungen gemacht. Um den Fachtitel PsychoonkologIn zu erhalten, braucht es nämlich eine Zusatzqualifikation in Form einer mehrjährigen Weiterbildung, die man sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz absolvieren kann. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass psychoonkologisch tätige PsychotherapeutInnen ein ausgeprägtes Fingerspitzengefühl für Menschen, die in ihrem Innersten erschüttert wurden, haben sollten.

Welche Faktoren wirken sich auf das sogenannte „Krankheitserleben“ der PatientInnen am meisten aus und wie können diese Faktoren positiv beeinflusst werden?

Die Faktoren, die das Krankheitserleben beeinflussen, sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Es kann aber gesagt werden, dass Faktoren wie Angst (vor dem Tod, vor Schmerzen), Depression, Hoffnungslosigkeit, verändertes Aussehen, zwischenmenschliche und familiäre Beziehungen wichtige Faktoren sind, die einen Einfluss auf das Krankheitserleben haben. Ob diese Faktoren positiv beeinflusst werden können, hängt stark vom Individuum und von der therapeutischen Beziehung ab. Natürlich gibt es psychoonkologische und psychotherapeutische Interventionen, die zum Beispiel die Angst oder Depression mildern können. Bei allen Faktoren spielt sicher auch die Akzeptanz eine wichtige.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine spezielle Strategie, wie PatientInnen und deren Angehörige mit der Krebsdiagnose umgehen sollten? Und was kann helfen, mit Sorgen und Ängsten besser umgehen zu können?

Wie bereits erwähnt, kann man nicht von einer speziellen Strategie reden, da jeder an Krebs erkrankte Mensch und seine Angehörigen individuell reagieren und man als TherapeutIn auf das Individuum eingehen muss. Vielleicht kann man sagen, dass es hilfreich sein kann, wenn PatientInnen offen über ihre Sorgen und Ängste sprechen, dies kann manchmal sehr erleichternd sein.

Das Offensein kann im Rahmen eines therapeutischen Kontakts verbessert werden. Wichtig ist auch, dass die gesunde Seite des Patienten oder der Patientin nicht vergessen geht und der Fokus auch immer wieder auf die Ressourcen und deren Aktivierung gelegt wird. 

Welchen Einfluss hat die Psyche auf den Therapieverlauf und gibt es Studien, die diesen Einfluss dokumentieren?

Soweit ich die Literatur kenne, ist die Thematik der Studien sehr komplex und kann nicht in Kürze beantwortet werden. Entscheidend aber ist, dass die PatientInnen eine gute Lebensqualität haben.

Was verstehen Sie unter einem ganzheitlichen Behandlungsansatz und in welchem Mass werden der/die Hausarzt/-ärztin und die anderen medizinischen Fachbereiche des Inselspitals in Ihre Arbeit eingebunden?

Unter einem ganzheitlichen Behandlungsansatz verstehe ich u. a. einen systemischen Ansatz. Das Verhalten einer Person wird nicht isoliert aus ihren inneren Eigenschaften, sondern aus ihrer Beziehung zu anderen Menschen und ihrer Systemumwelt betrachtet. Der Mensch ist in ein soziales System eingebettet und muss auch als Teil eines ganzen Systems erfasst werden. Ganzheitlich bedeutet für mich aber auch, dass die verschiedenen Disziplinen, die die PatientInnen betreuen, sich miteinander austauschen und einander in die Hand arbeiten. Die Betroffenen müssen sich mit den jeweiligen Sorgen und Ängsten in sicheren Händen und ernst genommen fühlen. Wenn die PatientInnen merken, dass ein ganzes Behandlungsteam hinter ihnen steht und das Beste gibt, ist dies für das Wohlbefinden essenziell und beeinflusst sicher auch das Krankheitserleben, weil man sich getragen fühlt. Mir ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig und ich versuche, die beteiligten Disziplinen in meine Arbeit einzubeziehen.

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Kommentare

  • user
    hUkaDCjHM 26.10.2020, 02:28
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  • user
    cmxGpfENtrkQaJ 26.10.2020, 02:28
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