Rauchprävention lebt von Motivation und nicht von Verurteilung!

Thorax Schweiz im Gespräch mit Dr. med. Patrick Brun - Facharzt für Innere Medizin FMH, Pneumologie FMH und Schlafmedizin SGSSC und Chefarzt Pneumologie und Innere Medizin Berner Reha Zentrum. Und dem Team der Lungenberatung/Rauchprävention des Berner Reha Zentrums Heiligenschwendi.

In der Lungenberatung des Berner Reha Zentrums sind 4 Mitarbeiterinnen beschäftigt und 1 weitere betreut zusätzlich das Rauchpräventionsprogramm für Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen.

Thorax Schweiz: Dr. Patrick Brun, welchen Einfluss hat der Nikotin- und Tabakkonsum auf unsere Gesundheit?

Dr. Patrick Brun: Rauchen stiehlt Lebensjahre und hat einen mannigfaltigen Einfluss auf unsere Gesundheit und Lebenserwartung. Im Durchschnitt versterben Raucher ca. 14 Jahre früher als Nichtraucher. Neben der Adipositas gehört das Rauchen zu den größten Risikofaktoren für die Entstehung chronischer nicht übertragbarer Erkrankungen. Der Tabakkonsum ist verantwortlich für bis zu 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle und auch zahlreicher weiterer Krebsarten sowie der sogenannten chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Die Haut altert schneller, Zähne und Augen leiden unter dem Zigarettenkonsum und es kommt häufiger zur Unfruchtbarkeit. Insbesondere schadet das Rauchen in der Schwangerschaft dem ungeborenen Kind. Es kommt häufiger zu Frühgeburten und das Wachstum des Kindes ist im Mutterbauch, aber auch noch nach der Geburt, häufig beeinträchtigt.

Thorax Schweiz: Warum ist es so schwer mit dem Rauchen aufzuhören?

Team der Rauchprävention: Zunächst müssen wir zwischen der physischen, also körperlichen, Abhängigkeit und der psychischen Abhängigkeit unterscheiden. In den ersten Tagen oder auch Wochen dominiert die körperliche Abhängigkeit, mit Entzugssymptomen wie Kopfschmerzen, Aggressivität, Nervosität, Schlaflosigkeit und gesteigerten Appetit. Auch, wenn die körperlichen Symptome häufig relativ schnell abklingen, bleibt häufig das „Verlangen“ zurück. Ein Verlangen von dem uns viele Patienten berichten, dass es auch nach 10 Jahren noch existiert. Schließlich verbindet man mit dem Rauchen auch gewisse Rituale und Gewohnheiten und hat die Zigarette auch in gewissen Stress- und Frustrationsphasen als Kompensation eingesetzt.

Thorax Schweiz: Haben Patienten nach schweren Erkrankungen eine höhere Chance mit dem Rauchen aufzuhören als Patienten, die noch nicht erkrankt sind?

Team der Rauchprävention: Unsere Erfahrungen hier im Berner Reha Zentrum belegen dies. 

Die Motivation, durch eine schwere pneumologische oder kardiologische Erkrankung mit dem Rauchen aufzuhören, ist insbesondere in der Rehabilitationszeit deutlich höher und es gelingt 50 Prozent unserer Patienten, auf Dauer auf die Glimmstängel zu verzichten. Eine weitere Motivation erzeugt der Blick auf andere Patienten, die aufgrund ihres extremen Luftmangels mit einem Sauerstoffgerät leben müssen. Häufig schildern uns Raucher, dass diese Beobachtung sie bewegt hat mit dem Rauchen aufzuhören, mit dem ausdrücklichen Wunsch „es nicht so weit kommen zu lassen“! Dennoch gibt es auch die „Unbelehrbaren“, die mit ihrem Sauerstoffgerät in die Raucherecke außerhalb unseres Gebäudes gehen und dort rauchen. Ein Phänomen, das uns seit über 15 Jahren beschäftigt und häufig frustriert. Hier haben wir in Kooperation mit der Lungenliga ein sogenanntes Sicherheitsblatt entwickelt, welches auf die Konsequenzen und Gefahren dieses Verhaltens aufmerksam macht und das die Patienten unterschreiben müssen. Auch in der Lungenschulung thematisieren wir die Konsequenzen, die der weitere Zigarettenkonsum für die Betroffenen haben kann, sehr deutlich und dies veranlasst selbst „hartgesottene“ Raucher manchmal zu einem Umdenken. Die Lungenschulung findet einmal in der Woche für unsere stationären Patienten statt und thematisiert unterschiedliche Aspekte des Zigarettenkonsums. Sie richtet sich insbesondere an die COPD Patienten.

Thorax Schweiz: Welche Maßnahmen und Programme bieten Sie hier im Berner Reha Zentrum an und werden diese Programme von den Kostenträgern übernommen? 

Dr. Patrick Brun: Hier müssen wir berücksichtigen, dass die Kurse zur Rauchprävention und auch alle anderen gesundheitsfördernden Programme zum „All-inclusive-Paket“ gehören, welches unsere Patienten erhalten. Dies gilt nicht nur für Patienten mit Lungenerkrankungen, sondern auch für die Patienten mit onkologischen, internistischen, kardiovaskulären und orthopädischen Erkrankungen und es umfasst auch nicht nur die Angebote der Rauchprävention, sondern bietet ein breites Spektrum an Ernährungs- und. Diabetesberatung sowie unterschiedlichste Bewegungs- und Informationsprogramme zum Thema Gesundheitsprävention. Selbst eine Sozialberatung und die Klinische Psychologie sind hier mit integriert. Im Bereich der Rauchprävention bieten wir Gruppensitzungen aber auch Einzeltermine an.

Thorax Schweiz: Was sind die motivierenden Erlebnisse in der Rauchpräventionsberatung?

Team der Rauchprävention: Ein Patient, den wir mit unseren Informationen und Hinweisen erreichen und bei dem es uns gelingt, das Bewusstsein in Bezug auf den Zigarettenkonsum zu verändern, erzeugt auch bei uns ein motivierendes Gefühl. Natürlich gelingt es uns nicht, jeden Raucher zur absoluten Abstinenz zu verhelfen, jedoch kann ja auch schon eine Reduzierung der Zigarettenmenge, die viele Patienten schaffen, bereits einen stark positiven gesundheitlichen Effekt haben. Häufig erkennen Patienten auch erst einige Zeit nach dem Zigarettenverzicht die vielen positiven Auswirkungen. Sie sind leistungsfähiger, bekommen besser Luft und das Geschmacksempfinden ist wieder da. Dann erhalten wir auch von diesen Menschen viel positives Feedback und eine tief empfundene Dankbarkeit. Natürlich erfahren wir manchmal auch Ablehnung und einige Patienten wollen gar nicht mit uns sprechen. Aber da ist es wichtig, dies nicht persönlich zu nehmen und häufig klappt es dann ja auch bei einem 2. oder 3. Versuch. Jeder Patient, der weiter raucht, schadet sich immer selbst und nicht der Beraterin. Oft erleben wir auch, dass Patienten uns sagen, dass Sie momentan noch nicht so weit sind mit uns zu arbeiten - aber einige Zeit später ändert sich das, es macht „Klick im Kopf“ und dann ergibt sich eine sehr positive und konstruktive Zusammenarbeit.

Dr. med. Patrick Brun: Wir finden es wenig sinnvoll, Patienten zu verurteilen oder ständig zu kritisieren, wenn es Ihnen nicht gelingt mit dem Rauchen aufzuhören. Eine erfolgreiche Rauchentwöhnung lebt von der Motivation der Patienten und der Darstellung von Alternativen, die helfen können, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen und neue gesündere Verhaltensweisen zu erlernen. Hier hat unser Team sehr viel Erfahrung und wir erzielen durchaus positive Ergebnisse. Wichtiger als Verbote ist es doch, dem Raucher aufzuzeigen, was die negativen Effekte des Zigarettenkonsums sind und welch großartigen Vorteile dagegen der Rauchverzicht mit sich bringt.

Thorax Schweiz: Kann die Lunge nach einem dauerhaften „Rauchentzug“ vollständig genesen und durch welche Maßnahmen kann die Lungengesundheit weiter verbessert werden?

Dr. med. Patrick Brun: Pauschal kann das nicht beantwortet werden. Ein Patient, der durch eine starke Lungenerkrankung sauerstoffpflichtig geworden ist und bei dem bereits eine massive Schädigung der Lunge vorliegt, kann auch durch den kompletten Zigarettenverzicht keine vollständige Lungenfunktion mehr wiederherstellen. Er kann aber die sogenannten Vernarbungen der Lunge aufhalten. Wenn jedoch noch keine starke Schädigung stattgefunden hat, können der Zustand der Lunge und die Leistungsfähigkeit gesteigert und die Notwendigkeit eines Sauerstoffgerätes vermieden werden.

Thorax Schweiz: Kann durch die sogenannten Schockbilder auf den Zigarettenpackungen ein therapeutischer Nutzen erzielt werden?

Team der Rauchprävention: Wir sind da skeptisch, denn viele Raucher achten wenig auf die Bilder und das Kleingedruckte auf den Packungen. Wenn wir Raucher darauf ansprechen, dass auf jeder Zigarettenpackung eine kostenlose Telefonnummer der „Rauchstopplinie“ steht, die vom Bund subventioniert wird, dann sind fast alle von ihnen überrascht und haben diese nie wahrgenommen.

Wie sind Ihre Erfahrungen? Haben Sie schon versucht, mit dem Rauchen aufzuhören? Wie haben Sie es geschafft, den Glimmstengeln zu entsagen? Schreiben Sie uns gerne einen Kommentar.

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Kommentare

  • user
    drmVlDCtQnfUj 26.10.2020, 02:28
    gJuCtqVIyzi
  • user
    JxvYUHsda 26.10.2020, 02:28
    lPSAuVNYUFIcxRmT