“Wenn Seelsorge integriert werden will, muss sie sich verständlich machen!“

Die Aufgaben der Seelsorge im Inselspital Bern

Gespräch mit dem Co-Leiter und reformierten Seelsorger Thomas Wild, Inselspital Bern

Die Seelsorge des Inselspitals besteht aus 13 reformierten bzw. katholischen und 1 muslimischen Seelsorger, von denen 4 Personen für die Intensivstation zuständig sind. Die Einrichtung wird nicht von den Kirchen finanziert, sondern vom Spital und steht Patienten und deren Angehörigen, aber auch den Mitarbeitern des Spitals 24 Stunden am Tag unter der Telefonnummer +41 31 632 21 11 (Bitte Seelsorge-Pikettdienst) zur Verfügung. Dies gilt für Menschen aller Glaubensrichtungen und weltanschaulichen Überzeugungen. Thorax Schweiz sprach mit dem Co-Leiter und reformierten Seelsorger Thomas Wild über die Arbeitsweise und das Berufsbild der Seelsorge und welche Bedeutung diese Einrichtung für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter des Spitals hat.

Neben Ihrer Tätigkeit hier im Inselspital sind Sie auch der Geschäftsführer der Aus- und Weiterbildung der Universität Bern. Wie hat sich das Berufsbild in den letzten Jahrzehnten verändert?

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die Seelsorge geprägt durch die Tätigkeit des Pfarrers oder Pastors und die wesentliche Aufgabe war das gemeinsame Gebet und die Sterbebegleitung. Nach dem 1. Weltkrieg war es vor allem Karl Bath, der eine Theologie „von oben“ propagierte, die ein menschliches Erkennen-Können Gottes strikt ablehnte und so jedwede Annäherung des Gläubigen der vorausgehenden Offenbarung Gottes unterordnete. Somit wurde Gott als unverfügbar und unnahbar beschrieben. Erst ab Mitte der 60er-Jahre haben Einzelne von uns erkannt, dass die Seelsorge auch die humanistische Psychologie integrieren muss und weitaus mehr Aufgaben zu meistern hat. Auch bekamen Wörter wie Respekt und Empathie sowie der Dialog auf Augenhöhe eine ganz andere Bedeutung. In den 90er-Jahren war es Christoph Morgenthaler von der Universität in Bern, der aus der Systemtherapie die Systemische Seelsorge weiterentwickelte. In der Systemischen Seelsorge wird der Mensch nicht als Individuum, sondern immer im Kontext zu seinem Umfeld (System) betrachtet. Dies gilt insbesondere auch für den Menschen, der leidet, was auch zu einigen Fehlentwicklungen führte. So wurde Hilfesuchenden manchmal die Hilfe verwehrt, wenn Sie nicht die ganze Familie zum Gespräch mitbrachten, weil manche Therapeuten glaubten, keine Hilfe leisten zu können, wenn Sie den Menschen nicht im Kontext zu seinem Umfeld betrachten konnten.  Seit rund 25 Jahren werden Seelsorgeausbildungen zertifiziert. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Bereiche, die auch unterschiedliche Berufsausbildungen erfordern. Die Ausbildung zum Seelsorger mit einem Masterabschluss kann 6 Jahre Zeit in Anspruch nehmen. Neben der Gefängnisseelsorge, der Notfallseelsorge, der Alters- und Pflegeheimseelsorge, ist neu auch die Spitalsseelsorge ein separater Studiengang. Die Tätigkeit im Spital erfordert neben dem Theologiestudium gute Kenntnisse der Abläufe in einem Spital wie auch der Therapieangebote. Seelsorge muss sich in die Tätigkeiten eines interdisziplinären Teams unterschiedlichster Fachrichtungen einbinden lassen und deshalb ist auch medizinisches Basiswissen gefordert.

Welche Aufgaben erfüllt eine Seelsorgerin oder ein Seelsorger im Inselspital im Umgang mit den Patienten und Angehörigen?

Die Aufgaben sind vielschichtig und orientieren sich an den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen des Einzelnen und seiner Angehörigen. Bei Patienten und Angehörigen nimmt meist die Angst und Sorge vor der Krankheit, den notwendigen therapeutischen Maßnahmen oder auch den Krankheitsfolgen eine wichtige Rolle ein. Über Sorgen und Ängste zu sprechen steht dann im Fokus unserer Aktivitäten. Seelsorge hat die Aufgabe, Patientinnen und Patienten in der aktuellen Situation, in ihrem Umfeld und in den existentiellen (mentalen oder spirituellen) Bedürfnissen wahrzunehmen. Oft geht es auch darum, zusammen nach Ressourcen zu suchen. 

Das gilt sowohl für jene, die wieder genesen, wie auch für die, bei denen keine Therapie mehr möglich ist und die sich aufs Sterben vorbereiten müssen. Auch in einer letzten Lebensphase gibt es Dinge zu entwickeln, wie zum Beispiel die Erfüllung gewisser Wünsche oder die Frage, wie ich in meiner letzten Lebensphase leben möchte. Manchmal sind es jedoch auch ganz einfache Dinge, die wir mit dem Patienten umsetzen und die für diese eine große Bedeutung haben: Eine Patientin mit dem Rollstuhl in den Garten zu führen, weil Sie das Licht, die Wärme und die Natur noch einmal spüren will. Auch Patienten, die im Koma liegen, werden von uns betreut und besucht. Wir wissen nicht genau, was sie wahrnehmen können, aber das Bedürfnis nach Vergewisserung und Zuwendung gehört zum Menschsein, auch auf einer Intensivstation. Der Umgang mit den Angehörigen ist oft eine seelsorgliche Aufgabe. Und manchmal auch eine grosse Herausforderung, denn Angehörige können in grösserer Sorge sein, als der Patient selbst.

Sie betreuen auch die Mitarbeiter des Inselspitals. Wie sieht hier Ihre Arbeit aus?

Vor allem Mediziner und Pflegende erleben belastende Dinge in ihrem Arbeitsalltag. Hier sprechen wir über das Erlebte und suchen gemeinsam nach Strategien, es zu verarbeiten. Meist gehen wir in mehreren Schritten vor. Im sogenannten „Defusing“ sprechen wir mit dem Mitarbeiter oder einem Team über das, was erlebt wurde und wie die Erlebnisse empfunden wurden. Nach einiger Zeit erfolgt die Rückschau mit der Fragestellung, was geblieben ist und was sich verändert hat. In einem Gespräch mit betroffenen Pflegenden haben wir meist die Rolle der Moderation. Wir unterliegen hier der Schweigepflicht, welche die Basis für ein gutes und vertrauensvolles zwischenmenschliches Verhältnis schafft. Darum kommen auch Mitarbeiterinnen der Insel zu uns, die im Arbeitsalltag oder im privaten und familiären Umfeld eine schwierige Situation haben. Neben den Gesprächen führen wir manchmal Rituale durch, die helfen sollen, gewisse Erlebnisse oder Geschehnisse besser zu bewältigen. Wir gestalten für verstorbene Spitalmitarbeiter Gedenkfeiern.

Welche Rolle spielt die Spiritualität bei Ihrer Arbeit?

Spiritualität verwechseln manche mit Religiosität. Dabei kann Spiritualität auch unabhängig von Glaube und Religion ein Thema sein. Wir alle haben spirituelle Bedürfnisse, die es nach Möglichkeit zu beachten gilt. Unter Spiritualität verstehen wir die lebendige Beziehung eines Menschen zu dem, was sein Leben trägt, inspiriert und nährt. Sie wird in der jüdischen und christlichen Tradition interessanterweise mit den Begriffen Atem, Hauch oder Kehle umschrieben. Besonders in Krisensituationen und schweren Krankheiten verlieren Menschen oft ihre Spiritualität. Die Seelsorge versucht zu helfen, dieses „seelische Atmen“ wieder in Fluss zu bringen, um die Lebensqualität zu verbessern. Spiritueller Schmerz kann als Sinnschmerz beschrieben werden, der sich auch im körperlichen Schmerz manifestiert und diesen verstärkt.

Sie betreuen auch verschiedene Orte, in denen Gespräche stattfinden oder wo sich Patienten oder Mitarbeiter zurückziehen können. Was sind das für Räume oder Einrichtungen?

Wir haben eine katholische und eine reformierte Kapelle, die tagsüber für alle offen stehen und abends auch gemietet werden können. Die katholische Kapelle ist 24 Stunden geöffnet und über das Bettenhochhaus zugänglich. Die reformierte Kapelle befindet sich zwischen INO (Intensivbehandlungs-, Notfall- und Operationszentrum) und dem Wirtschaftsgebäude und ist nachts geschlossen. In den Kapellen können auch Trauungen, Taufen, Segnungen und Abschieds- oder Kerzenrituale stattfinden. Die Räume der Stille sind auf dem Klinikgelände verteilt. So findet sich zum Beispiel einer dieser Räume im Erdgeschoss des Anna-Seiler-Hauses. Natürlich stehen die Räume auch Menschen offen, die keiner religiösen Gemeinschaft angehören. Der „Ort des Dankes“ liegt inmitten des Inselspitals und wurde auf Initiative von Priv.-Doz. Dr. Franz Immer geschaffen. Der Direktor der Stiftung Swisstransplant schlug einen Ort vor, an dem Organempfängerinnen und -empfänger und Angehörige von Organspenderinnen und -spendern ihre Dankbarkeit ausdrücken können.  Heute ist dieser vom Künstler Reto Leibundgut gestaltete Ort ein stiller Platz, der zum Ausruhen und Nachdenken einlädt und der gesamten Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Gibt es einen konkreten Ansprechpartner für die Patienten der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie in Bern?

Kaspar Junker ist reformierter Seelsorger und Ansprechpartner für die Patienten der Pneumologie, Thoraxchirurgie und der Überwachungsstation. Er ist unter der Rufnummer +41 31 632 82 57 erreichbar und vermittelt auch den Kontakt zu den Seelsorgern anderer Glaubensrichtungen.

Wünschen Sie sich mehr Akzeptanz für Ihre Arbeit und die Ihrer Kollegen?

In vielen Bereich funktioniert das schon ganz gut. Wenn die Seelsorge nicht integriert wird, hat es auch damit zu tun, dass die Mitarbeitenden sie nicht kennen, oder dass sich die Seelsorge nicht genügend verständlich macht. Damit tragen wir auch einen Teil der Verantwortung. Wenn Patienten, die wir schon mal betreut haben, wieder hospitalisiert werden, dann sind wir darauf angewiesen, dass der Patient selbst oder aber die Station uns darüber informiert, dass er oder sie wieder im Haus ist. Auch im Bereich der Krisenintervention sind wir darauf angewiesen, dass wir davon erfahren. Das gilt sowohl für die Patienten und Angehörigen wie auch für die Mitarbeitenden.

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