Patientenverfügung und gesundheitliche Vorausplanung

by Tariq Abu-Naaj

Warum wir heute über morgen sprechen sollten

Was passiert, wenn wir plötzlich nicht mehr selbst über unsere medizinische Behandlung entscheiden können? Wer weiss dann, welche Massnahmen wir wünschen und welche wir möglicherweise ablehnen würden? Prof. Dr. med. Steffen Eychmüller, Professor für Palliativmedizin und Palliative Care an der Universität Bern, erklärt im Gespräch mit Thorax Schweiz, weshalb gesundheitliche Vorausplanung und eine Patientenverfügung jeden Menschen betrifft – unabhängig von Alter und Gesundheitszustand.

Gesundheitliche Vorausplanung: Gut vorbereitet auf das Ungewisse

Niemand weiss genau, was die Zukunft bringt. Wir können gesund bleiben, unerwartet erkranken oder durch einen Unfall plötzlich auf medizinische Hilfe angewiesen sein. Trotzdem beschäftigen wir uns häufig erst mit solchen Situationen, wenn sie bereits eingetreten sind.

Prof. Dr. med. Steffen Eychmüller verwendet im Videointerview mit Thorax Schweiz ein anschauliches Beispiel: Stellen wir uns vor, wir würden eine Reise über den Atlantik unternehmen, ohne zu wissen, welches Wetter uns erwartet. Selbstverständlich würden wir uns sowohl auf Sonnenschein als auch auf schwere Stürme vorbereiten.

Ähnlich verhält es sich mit unserer Gesundheit.

Gesundheitliche Vorausplanung bedeutet, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, was uns im Leben wichtig ist und welche medizinischen Behandlungen wir in unterschiedlichen Situationen wünschen würden.

Eine Patientenverfügung kann dabei ein wichtiger Bestandteil sein. Sie allein bildet jedoch nicht die gesamte Vorausplanung ab. Entscheidend ist vor allem der persönliche Austausch mit Angehörigen und medizinischen Fachpersonen.

Warum gesundheitliche Vorausplanung nicht nur ältere Menschen betrifft

Viele Menschen verbinden das Thema mit dem hohen Alter, schweren Erkrankungen oder dem nahenden Lebensende. Tatsächlich können Situationen, in denen wir nicht mehr selbst entscheiden können, in jedem Lebensalter auftreten.

Ein schwerer Verkehrsunfall, ein unerwarteter Herzstillstand oder eine andere akute gesundheitliche Krise können unser Leben innerhalb weniger Augenblicke verändern.

Eychmüller betont deshalb, dass gesundheitliche Vorausplanung eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft ist.

Auch jüngere und gesunde Menschen sollten sich gelegentlich fragen, was für sie persönlich Lebensqualität bedeutet und welche Vorstellungen sie für den Fall einer schweren gesundheitlichen Einschränkung haben.

Dabei geht es keineswegs darum, ständig über mögliche Erkrankungen nachzudenken. Vielmehr soll die Beschäftigung mit diesen Fragen Sicherheit vermitteln.

Wer weiss, dass wichtige Entscheidungen vorbereitet sind, kann sich häufig unbeschwerter auf das gegenwärtige Leben konzentrieren.

Welche Rolle spielt die Lebensqualität bei medizinischen Entscheidungen?

Eine besonders wichtige Frage lautet: Was macht mein Leben für mich persönlich lebenswert?

Die Antworten darauf können sehr unterschiedlich ausfallen.

Für manche Menschen bedeutet Lebensqualität, weiterhin selbstständig zu wohnen. Andere legen besonderen Wert auf körperliche Aktivität, geistige Leistungsfähigkeit oder regelmässige Begegnungen mit Freunden und Angehörigen.

Eychmüller nennt im Interview ein einfaches Beispiel: Für einen älteren Menschen kann es besonders wichtig sein, weiterhin zweimal pro Woche auf sein Enkelkind aufzupassen.

Solche persönlichen Lebensziele spielen bei medizinischen Entscheidungen eine zentrale Rolle.

Denn selbst wenn eine Behandlung medizinisch möglich ist, bedeutet das nicht automatisch, dass sie den individuellen Vorstellungen und Wünschen eines Menschen entspricht.

Gerade bei fortschreitenden Erkrankungen verändert sich die gesundheitliche Situation häufig über einen längeren Zeitraum.

Deshalb sollte gesundheitliche Vorausplanung kein einmaliger Vorgang sein. Eychmüller vergleicht die wiederholte Beschäftigung mit den eigenen Wünschen mit einem Boxenstopp: Nach einer neuen Diagnose, einer Komplikation oder einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustands kann es sinnvoll sein, bisherige Entscheidungen gemeinsam zu überprüfen.

Warum eine Patientenverfügung allein häufig nicht ausreicht

Eine schriftliche Festlegung medizinischer Wünsche ist grundsätzlich eine wichtige Möglichkeit, persönliche Vorstellungen zu dokumentieren.

Allerdings zeigt die Erfahrung aus der medizinischen Praxis, dass allgemeine Aussagen häufig nicht ausreichen, um in einer konkreten Notfallsituation verlässliche Entscheidungen zu treffen.

Formulierungen wie «Ich möchte alles medizinisch Mögliche» oder «Ich wünsche keine lebensverlängernden Massnahmen» können unterschiedlich interpretiert werden.

Welche Behandlungen sind damit tatsächlich gemeint? Unter welchen Umständen sollen sie eingesetzt werden? Und welche möglichen Folgen wären für die betroffene Person akzeptabel?

Prof. Eychmüller berichtet im Interview von einem Patienten, der seine Wünsche eigenständig schriftlich festgehalten und das Dokument anschliessend in einer Schublade aufbewahrt hatte.

Mit seiner Familie oder medizinischen Fachpersonen hatte er darüber jedoch nie gesprochen.

Genau darin sieht der Palliativmediziner eine wesentliche Schwierigkeit.

Eine Patientenverfügung ist besonders hilfreich, wenn die darin beschriebenen Wünsche im Vorfeld besprochen wurden und zu konkreten medizinischen Situationen passen.

Was die moderne Medizin leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen

Die medizinischen Möglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt.

Heute können Menschen auch nach schweren Erkrankungen oder Unfällen durch intensivmedizinische Massnahmen gerettet werden.

Dennoch gibt es Grenzen.

Eychmüller beobachtet, dass die Erwartungen an die moderne Akutmedizin teilweise übermässig optimistisch sind. Fernsehsendungen vermitteln mitunter den Eindruck, dass schwer erkrankte Menschen nach einer dramatischen Behandlung rasch wieder vollständig gesund werden.

Die medizinische Realität kann jedoch anders aussehen.

Ob beispielsweise eine Wiederbelebung erfolgreich ist und welche Lebensqualität danach erreicht werden kann, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem bestehende Erkrankungen, die körperliche Ausgangssituation und die Umstände des Notfalls.

Eine Behandlung kann das Überleben ermöglichen, ohne dass damit zwangsläufig eine vollständige Wiederherstellung der bisherigen Fähigkeiten verbunden ist.

Deshalb ist es wichtig, medizinische Möglichkeiten und persönliche Erwartungen gemeinsam und möglichst realistisch zu besprechen.

Besondere Bedeutung bei chronischen Lungenerkrankungen

Für Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen kann gesundheitliche Vorausplanung eine besondere Bedeutung haben.

Erkrankungen wie COPD oder Lungenfibrose können sich im Laufe der Zeit verändern und die körperliche Belastbarkeit zunehmend einschränken.

Auch bei schweren Erkrankungen, die eine Lungentransplantation erforderlich machen könnten, sind mit den verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten unterschiedliche Chancen und Risiken verbunden.

Eychmüller spricht im Interview ausdrücklich die Situation von Menschen an, die sich durch eine Lungentransplantation eine deutliche Verbesserung ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit erhoffen.

Gleichzeitig müssen die Risiken des Eingriffs und der anschliessenden Behandlung berücksichtigt werden.

Für Betroffene kann es deshalb hilfreich sein, bereits frühzeitig gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam über mögliche Entwicklungen zu sprechen.

Welche Ziele sind realistisch? Welche medizinischen Massnahmen kommen infrage? Und welche persönlichen Wünsche sollen bei schwierigen Entscheidungen besonders berücksichtigt werden?

Solche Gespräche können Orientierung geben, ohne dass damit zukünftige Behandlungsmöglichkeiten vorschnell ausgeschlossen werden.

Warum Angehörige frühzeitig einbezogen werden sollten

Wenn ein Mensch nach einem schweren Unfall oder einer Erkrankung nicht mehr urteilsfähig ist, müssen unter Umständen andere Personen stellvertretend über medizinische Behandlungen entscheiden.

Für Angehörige kann dies eine erhebliche emotionale Belastung darstellen.

Sie stehen möglicherweise plötzlich vor Entscheidungen, deren Tragweite sie kaum überblicken können.

Welche Behandlung hätte die betroffene Person gewünscht? Hätte sie einer künstlichen Beatmung zugestimmt? Welche Einschränkungen ihrer Lebensqualität wären für sie akzeptabel gewesen?

Wenn solche Fragen nie besprochen wurden, entsteht häufig grosse Unsicherheit.

Eine sorgfältig vorbereitete Patientenverfügung kann Angehörigen und medizinischen Fachpersonen wichtige Orientierung bieten.

Noch wertvoller wird sie, wenn die persönlichen Wünsche zuvor gemeinsam besprochen und verstanden wurden.

Eychmüller beschreibt diese Vorbereitung deshalb als eine Art Geschenk an die Familie.

Wer seine Vorstellungen frühzeitig mitteilt, nimmt nahestehenden Menschen einen Teil der Verantwortung und erleichtert ihnen schwierige Entscheidungen.

Warum Gespräche mit Fachpersonen so wichtig sind

Gesundheitliche Vorausplanung sollte möglichst nicht ausschliesslich im privaten Umfeld stattfinden.

Auch medizinische Fachpersonen können dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

Sie helfen, mögliche Krankheitssituationen realistisch einzuschätzen und die Chancen und Grenzen bestimmter Behandlungsmassnahmen verständlich zu erklären.

Besonders bei komplexen Erkrankungen können Gespräche mit behandelnden Ärztinnen und Ärzten, spezialisierten Beratungsfachpersonen oder Teams der Palliative Care wertvolle Unterstützung bieten.

Dabei geht es nicht darum, Patientinnen und Patienten bestimmte Entscheidungen nahezulegen.

Vielmehr sollen sie in die Lage versetzt werden, ihre persönlichen Vorstellungen auf einer möglichst guten Informationsgrundlage zu formulieren.

Eine gut besprochene Patientenverfügung kann so zu einem wichtigen Instrument der Selbstbestimmung werden – insbesondere dann, wenn eine Person ihren Willen später nicht mehr selbst äussern kann.

Vorausplanung bedeutet nicht, auf Lebensfreude zu verzichten

Die Beschäftigung mit schweren Erkrankungen, medizinischen Krisen und dem Lebensende fällt vielen Menschen schwer.

Oft werden solche Gespräche aus Unsicherheit oder Angst aufgeschoben.

Doch gesundheitliche Vorausplanung verfolgt gerade nicht das Ziel, das Leben von Sorgen bestimmen zu lassen.

Im Gegenteil.

Prof. Eychmüller greift am Ende seines Interviews erneut das Bild der Atlantiküberquerung auf.

Wer für einen möglichen Sturm vorbereitet ist, kann die Zeit bei schönem Wetter umso mehr geniessen.

So verhält es sich auch mit gesundheitlichen Entscheidungen.

Wer weiss, dass seine persönlichen Wünsche bekannt sind und wichtige Fragen mit Angehörigen und Fachpersonen besprochen wurden, muss sich nicht ständig mit möglichen Krisensituationen beschäftigen.

Die Vorbereitung schafft Raum, sich wieder stärker auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Fazit: Ein Gespräch, das wir nicht aufschieben sollten

Gesundheitliche Vorausplanung ist weit mehr als das Ausfüllen eines Formulars.

Sie bedeutet, sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen, persönlichen Lebenszielen und medizinischen Behandlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

Eine Patientenverfügung ist dabei ein wichtiges Hilfsmittel. Mindestens ebenso entscheidend sind jedoch offene Gespräche mit Angehörigen und medizinischen Fachpersonen.

Die zentrale Botschaft von Prof. Dr. med. Steffen Eychmüller lautet: Wer rechtzeitig vorausplant, schafft nicht nur Orientierung für schwierige Situationen, sondern kann auch das gegenwärtige Leben bewusster und unbeschwerter geniessen.


Das Video zum Thema

7 Fragen an Prof. Dr. med. Steffen Eychmüller – Gesundheitliche Vorausplanung

Im Videointerview mit Thorax Schweiz erklärt Prof. Eychmüller, weshalb gesundheitliche Vorausplanung jeden Menschen betrifft, was bei medizinischen Entscheidungen wichtig ist und warum Gespräche mit Angehörigen oft wertvoller sind als ein Dokument allein.

Sehen Sie sich das vollständige Interview auf unserem YouTube-Kanal an.

Weitere Informationen: www.thorax-schweiz.ch

Weitere verständliche Informationen rund um Lungengesundheit, Thoraxmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auf thorax-schweiz.ch.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche medizinische Beratung. Bei akuter starker Atemnot oder einer raschen Verschlechterung des Gesundheitszustandes sollte unverzüglich medizinische Hilfe angefordert werden.