Marco Winiger ist 55 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren mit COPD. Seine Erkrankung hat seinen Alltag, seine körperlichen Möglichkeiten und seinen Blick auf sich selbst grundlegend verändert. Im Thorax Schweiz Podcast erzählt er, wie er gelernt hat, mit den Einschränkungen zu leben – und warum er heute zufriedener auf sein Leben blickt als in manchen Jahren zuvor.
Eine Diagnose, die zunächst nichts veränderte
Als bei Marco Winiger ungefähr zwischen 2005 und 2010 eine COPD festgestellt wurde, hatte die Diagnose zunächst kaum Auswirkungen auf seinen Alltag.
Er arbeitete als Mechaniker, war körperlich aktiv und ging seinem gewohnten Leben nach. Dass er schneller ausser Atem geriet oder bestimmte Anstrengungen nicht mehr so gut bewältigte, nahm er zwar wahr, schenkte diesen Veränderungen aber wenig Aufmerksamkeit.
„COPD waren für mich nur vier Buchstaben“, erzählt er im Podcast.
Die Diagnose war ausgesprochen, aber noch nicht wirklich bei ihm angekommen.
Erst Jahre später begann Marco zu verstehen, wie stark die chronische Lungenerkrankung sein Leben beeinflussen würde.
Als plötzlich nichts mehr selbstverständlich war
Im Jahr 2018 erlitt Marco einen schweren Unfall. Es folgten längere Phasen eingeschränkter Beweglichkeit und weitere Operationen.
Für einen Menschen, der es gewohnt war, zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und körperlich aktiv zu sein, bedeutete dies eine enorme Veränderung.
Nicht allein die Atemnot belastete ihn. Besonders schwer fiel ihm, dass er seine bisherige Leistungsfähigkeit verlor.
Marco beschreibt im Gespräch, dass er seinen eigenen Wert lange Zeit daran gemessen hatte, was er leisten konnte.
Wenn er nicht mehr arbeiten, anderen helfen oder körperlich mithalten konnte, fühlte er sich selbst weniger wertvoll.
Diese Gedanken belasteten ihn erheblich.
Erst allmählich begann er zu erkennen, dass sein Wert als Mensch nicht davon abhängt, wie viel er arbeitet oder wie stark er körperlich ist.
Wenn schon 200 Meter zu viel werden
Heute ist Atemnot ein ständiger Begleiter in Marcos Alltag.
Bereits eine Gehstrecke von ungefähr 200 Metern kann ihn an seine körperlichen Grenzen bringen.
Auch alltägliche Situationen haben sich verändert.
Früher trug er selbstverständlich schwere Taschen und half anderen Menschen. Heute muss er selbst Unterstützung annehmen.
Ein Beispiel ist für ihn besonders einprägsam: Wenn seine Partnerin die Einkaufstaschen trägt, während er danebensteht, beschäftigt ihn nicht mehr, was andere Menschen darüber denken könnten.
Früher wäre ihm eine solche Situation unangenehm gewesen.
Heute weiss er, dass es wichtiger ist, auf seine Gesundheit zu achten und die Unterstützung anzunehmen, die er benötigt.
Diese Veränderung war für ihn ein wichtiger persönlicher Schritt.
Der Wendepunkt kam durch Wissen
Im Jahr 2021 nahm Marco auf ärztliche Empfehlung am Kurs «Besser leben mit COPD» der Lungenliga teil.
Für ihn wurde dieser Kurs zu einem Wendepunkt.
Zum ersten Mal setzte er sich intensiv damit auseinander, was COPD bedeutet, warum seine Atmung eingeschränkt ist und welche Möglichkeiten er selbst hat, besser mit der Erkrankung umzugehen.
Er lernte, seine Medikamente bewusster anzuwenden und seine Beschwerden besser einzuordnen.
Besonders prägend war der Austausch mit anderen Menschen, die ebenfalls mit COPD leben.
Ihre Erfahrungen machten ihm deutlich, wie unterschiedlich der Verlauf der Erkrankung sein kann.
Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er selbst etwas verändern wollte.
Die Erkenntnis, dass er seinen gesundheitlichen Zustand ernst nehmen musste, wurde zum Ausgangspunkt einer neuen Lebensphase.
Der Rauchstopp als persönliche Entscheidung
Marco spricht im Interview offen über seinen langjährigen Rauchkonsum.
Als Mechaniker war er beruflich auch Metallstaub und anderen Partikeln ausgesetzt. Den grössten Anteil an der Verschlechterung seiner Lungengesundheit schreibt er selbst jedoch seinem früheren Rauchen zu.
Der Entschluss aufzuhören fiel nicht von einem Tag auf den anderen.
Zunächst musste er sich mit seinen Gewohnheiten und seiner persönlichen Motivation auseinandersetzen.
Nach einem ersten erfolgreichen Rauchstopp kam es zu einem Rückfall.
Doch Marco gab nicht auf.
Er suchte sich weitere Unterstützung und setzte sich intensiv mit seinem Verhalten auseinander.
Zum Zeitpunkt des Interviews berichtet er, seit ungefähr vier Jahren rauchfrei zu leben.
Sein Weg zeigt, dass Veränderungen nicht immer geradlinig verlaufen. Entscheidend war für ihn, auch nach Rückschlägen weiterzumachen.
Bewegung als tägliche Entscheidung
Trotz seiner erheblichen Einschränkungen ist Bewegung für Marco heute ein fester Bestandteil des Alltags.
Dreimal wöchentlich nimmt er an einem betreuten Fitnesstraining teil. An weiteren Tagen geht er bewusst spazieren.
Dabei geht es ihm nicht darum, seine früheren Leistungen wieder zu erreichen.
Vielmehr möchte er die körperlichen Fähigkeiten erhalten, die ihm noch zur Verfügung stehen.
Auch für sein psychisches Wohlbefinden ist Bewegung wichtig.
Die Zeit draussen in der Natur hilft ihm, Abstand zu gewinnen und sich besser zu fühlen.
Seine Erfahrungen verdeutlichen, wie wichtig individuell angepasste körperliche Aktivität bei COPD sein kann.
Allerdings sollte das geeignete Bewegungsprogramm immer an den Gesundheitszustand und die persönlichen Möglichkeiten angepasst werden. Gerade bei ausgeprägter Atemnot ist eine medizinische beziehungsweise therapeutische Begleitung sinnvoll.
Hilfe annehmen, ohne sich schwach zu fühlen
Eine besonders wichtige Rolle spielen für Marco seine Familie und seine Partnerin.
Er berichtet, dass ihn sein Umfeld auf vielfältige Weise unterstützt.
Dabei ist ihm eines besonders wichtig: Er möchte nicht bemitleidet werden.
Seine Angehörigen sollen ihn weiterhin als vollwertigen Menschen wahrnehmen – als Vater, Grossvater und Partner.
Auch sein Hausarzt und seine Psychologin haben ihn über längere Zeit begleitet.
Marco beschreibt, wie wertvoll es für ihn war, nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Unterstützung bei der Bewältigung seiner persönlichen und psychischen Belastungen zu erhalten.
Diese Erfahrungen zeigen, dass eine chronische Lungenerkrankung weit mehr als die körperliche Gesundheit betrifft.
Sie kann Beziehungen, Selbstbild, Arbeit und Lebensplanung verändern.
„Slow down, take it easy“
Eine der persönlichsten Geschichten des Interviews betrifft Marcos Tätowierungen.
Auf seinen Fingern stehen die Worte «Slow down, take it easy».
Sie sollen ihn daran erinnern, sich selbst nicht ständig unter Druck zu setzen.
Lange Zeit hatte er das Gefühl, immer schneller und immer mehr leisten zu müssen.
Heute möchte er bewusster mit seinen Kräften umgehen.
Eine weitere Tätowierung zeigt das Wort «LOVE».
Für Marco steht es für Selbstliebe und die Erkenntnis, dass er sich selbst dieselbe Fürsorge entgegenbringen darf, die er über viele Jahre anderen Menschen geschenkt hat.
Diese Botschaften sind für ihn keine allgemeinen Lebensregeln, sondern persönliche Erinnerungen an einen langen Veränderungsprozess.
Ein erfülltes Leben trotz COPD
Marco weiss, dass seine Erkrankung nicht verschwinden wird.
Er weiss auch, dass er manche Dinge nicht mehr tun kann, die früher selbstverständlich waren.
Dennoch beschreibt er sich heute als zufriedenen Menschen.
Er hat gelernt, seine Grenzen zu akzeptieren, Unterstützung anzunehmen und die Möglichkeiten zu nutzen, die ihm geblieben sind.
Für andere Menschen mit COPD hat er einen wichtigen Rat: Beschwerden nicht ignorieren, frühzeitig Hilfe suchen und sich über die eigene Erkrankung informieren.
Auch der Rauchstopp und die Inanspruchnahme professioneller Unterstützungsangebote sind für ihn zentrale Themen.
Vor allem aber möchte er anderen Betroffenen Mut machen, sich selbst nicht auf ihre Erkrankung reduzieren zu lassen.
Seine Botschaft fasst er in einem Satz zusammen:
„Das Leben ist zu schön, um aufzugeben.“
Jetzt die Podcastfolge anhören
In Folge #82 des Thorax Schweiz Podcasts spricht Marco Winiger mit Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj über seine persönliche Geschichte.
Er erzählt von schwierigen Jahren, seiner Entscheidung zum Rauchstopp, den Erfahrungen mit der Lungenliga und dem langen Weg zu einem neuen Selbstverständnis.
Ein offenes und sehr persönliches Gespräch, das zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung umgehen – und wie wertvoll Wissen, Unterstützung und Selbstfürsorge sein können.
Hören Sie jetzt Folge #82: „Das Leben ist zu schön, um aufzugeben“.
Hier geht es zur Podcast Episode >>>
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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche medizinische Beratung. Bei akuter starker Atemnot oder einer raschen Verschlechterung des Gesundheitszustandes sollte unverzüglich medizinische Hilfe angefordert werden.