Immuntherapie und Lungenkrebs gehören heute eng zusammen, wenn es um moderne Behandlungsmöglichkeiten bei bestimmten Formen der Erkrankung geht. In den vergangenen Jahren hat sich die Therapie von Lungenkrebs deutlich weiterentwickelt. Neben Operation, Bestrahlung und Chemotherapie stehen heute zunehmend auch Immuntherapien und zielgerichtete Medikamente zur Verfügung.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die Diagnose Lungenkrebs sagt heute noch nicht automatisch, wie die Behandlung aussehen wird. Viel stärker als früher wird untersucht, welche biologischen und molekularen Eigenschaften ein Tumor besitzt und welche Therapie genau zu dieser individuellen Erkrankungssituation passen könnte.
Im Thorax Schweiz Podcast sprechen Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj mit Dr. med. Andreas Jakobs, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie, darüber, wie moderne medikamentöse Krebstherapien funktionieren und warum eine möglichst genaue Untersuchung des Tumors so wichtig geworden ist.
Warum ist Lungenkrebs nicht gleich Lungenkrebs?
Der Begriff Lungenkrebs umfasst verschiedene Tumorerkrankungen. Diese können sich in ihrer Zellart, ihrem Wachstum und ihren biologischen Eigenschaften deutlich unterscheiden.
Für die Therapieplanung ist daher nicht nur entscheidend, dass ein Tumor in der Lunge entstanden ist. Ärztinnen und Ärzte möchten heute möglichst genau wissen, um welche Art von Tumor es sich handelt und welche besonderen Merkmale vorliegen.
Dazu gehören unter anderem bestimmte Oberflächenmerkmale der Tumorzellen sowie molekulare oder genetische Veränderungen.
Diese Informationen können dabei helfen, einzuschätzen, ob beispielsweise eine Immuntherapie, eine zielgerichtete Behandlung oder eine klassische Chemotherapie infrage kommt.
Die moderne Krebstherapie wird damit zunehmend individueller.
Was ist eine Immuntherapie?
Das menschliche Immunsystem hat unter anderem die Aufgabe, krankhaft veränderte Zellen zu erkennen und zu beseitigen. Krebszellen können jedoch Mechanismen entwickeln, mit denen sie sich dieser Kontrolle entziehen.
Einige Tumoren schaffen es beispielsweise, bestimmte „Bremsen“ des Immunsystems zu aktivieren. Dadurch werden Abwehrzellen daran gehindert, die Krebszellen effektiv anzugreifen.
Moderne Immuntherapien können genau an solchen Mechanismen ansetzen.
Sie greifen den Tumor also nicht unbedingt direkt an. Stattdessen sollen bestimmte Medikamente dem körpereigenen Immunsystem dabei helfen, Krebszellen wieder besser zu erkennen und zu bekämpfen.
Gerade bei Immuntherapie und Lungenkrebs hat dieses Prinzip in den vergangenen Jahren neue therapeutische Möglichkeiten eröffnet.
Wie unterscheidet sich die Immuntherapie von einer Chemotherapie?
Eine klassische Chemotherapie wirkt vor allem auf Zellen, die sich schnell teilen. Da sich auch viele Krebszellen schnell vermehren, können sie dadurch geschädigt oder zerstört werden.
Allerdings betrifft dieser Mechanismus zum Teil auch gesunde Zellen. Das erklärt einige typische Nebenwirkungen, die mit einer Chemotherapie verbunden sein können.
Eine Immuntherapie funktioniert anders.
Sie beeinflusst bestimmte Prozesse des Immunsystems und kann dadurch eine Immunreaktion gegen den Tumor ermöglichen oder verstärken.
Deshalb unterscheiden sich auch die möglichen Nebenwirkungen.
Während bei einer Chemotherapie beispielsweise Übelkeit, Erschöpfung oder Veränderungen des Blutbildes auftreten können, stehen bei einer Immuntherapie teilweise andere Beschwerden im Vordergrund.
Welche Nebenwirkungen kann eine Immuntherapie haben?
Weil Immuntherapien das Immunsystem aktivieren oder beeinflussen, kann es in manchen Fällen vorkommen, dass sich die Immunreaktion nicht ausschliesslich gegen Tumorzellen richtet.
Das Immunsystem kann dann auch gesundes Gewebe angreifen.
Dadurch können entzündliche Reaktionen an unterschiedlichen Organen entstehen, beispielsweise an Haut, Darm, Lunge, Leber oder hormonbildenden Organen.
Viele dieser Nebenwirkungen lassen sich behandeln. Wichtig ist jedoch, mögliche Beschwerden frühzeitig zu erkennen.
Patientinnen und Patienten sollten neue oder ungewöhnliche Symptome deshalb nicht abwarten, sondern mit ihrem Behandlungsteam besprechen.
Gerade bei Immuntherapie und Lungenkrebs ist eine enge Begleitung während der Behandlung deshalb ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
Ist eine Immuntherapie für jeden Menschen mit Lungenkrebs geeignet?
Nein. Nicht jeder Lungentumor spricht gleich gut auf eine Immuntherapie an.
Vor Beginn einer Behandlung werden deshalb häufig verschiedene Eigenschaften des Tumors untersucht.
Eine Rolle spielen beispielsweise sogenannte Biomarker. Sie können Hinweise darauf geben, wie wahrscheinlich es ist, dass eine bestimmte Therapie wirksam sein könnte.
Darüber hinaus berücksichtigen Ärztinnen und Ärzte unter anderem die genaue Tumorart, das Krankheitsstadium, den allgemeinen Gesundheitszustand und mögliche Begleiterkrankungen.
Die Therapieentscheidung wird daher immer individuell getroffen.
Oft geschieht dies im Rahmen eines interdisziplinären Tumorboards, in dem Fachpersonen aus verschiedenen medizinischen Bereichen gemeinsam die Situation einer Patientin oder eines Patienten beurteilen.
Welche Rolle spielen zielgerichtete Therapien?
Neben der Immuntherapie haben auch sogenannte zielgerichtete Medikamente die Behandlung von Lungenkrebs verändert.
Bei manchen Tumoren lassen sich bestimmte genetische oder molekulare Veränderungen nachweisen, die das Wachstum der Krebszellen antreiben.
Wenn eine solche Veränderung bekannt ist und ein entsprechendes Medikament zur Verfügung steht, kann die Behandlung gezielt an diesem Mechanismus ansetzen.
Dafür ist eine sorgfältige molekulare Diagnostik entscheidend.
Die Frage lautet also zunehmend nicht mehr nur:
„Welche Art von Lungenkrebs liegt vor?“
Sondern auch:
„Welche Eigenschaften besitzt genau dieser Tumor?“
Personalisierte Medizin bei Lungenkrebs
Der Begriff personalisierte Medizin wird häufig missverstanden.
Er bedeutet nicht, dass für jeden einzelnen Patienten ein völlig neues Medikament entwickelt wird. Gemeint ist vielmehr, dass vorhandene Therapien möglichst gezielt auf bestimmte Eigenschaften einer Erkrankung abgestimmt werden.
Im Zusammenhang mit Immuntherapie und Lungenkrebs können beispielsweise Biomarker, molekulare Veränderungen und weitere Tumormerkmale dabei helfen, die Therapieentscheidung genauer zu treffen.
Dadurch soll vermieden werden, dass Patientinnen und Patienten eine Behandlung erhalten, von der sie voraussichtlich nur wenig profitieren.
Gleichzeitig können geeignete Therapien gezielter eingesetzt werden.
Welche Bedeutung hat die Chemotherapie heute noch?
Trotz aller Fortschritte bei Immuntherapie und zielgerichteter Therapie spielt die Chemotherapie weiterhin eine wichtige Rolle.
Je nach Art und Stadium der Erkrankung kann sie allein oder in Kombination mit anderen Verfahren eingesetzt werden.
Auch Kombinationen aus Chemotherapie und Immuntherapie sind heute Bestandteil verschiedener Behandlungskonzepte.
Darüber hinaus kann eine medikamentöse Therapie auch mit einer Operation oder Bestrahlung kombiniert werden.
Welche Strategie sinnvoll ist, hängt immer von der individuellen Situation ab.
Was haben moderne Therapien für die Prognose verändert?
Die Behandlungsmöglichkeiten bei Lungenkrebs haben sich in den vergangenen Jahren erheblich erweitert.
Besonders bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen können moderne Medikamente dazu beitragen, das Tumorwachstum über längere Zeit zu kontrollieren.
Bei manchen Patientinnen und Patienten lassen sich heute Behandlungsergebnisse erzielen, die vor einigen Jahren noch deutlich schwieriger zu erreichen waren.
Dabei geht es nicht nur darum, die Lebenszeit zu verlängern.
Ein ebenso wichtiges Ziel ist es, Beschwerden zu reduzieren und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
Genau deshalb ist Immuntherapie und Lungenkrebs heute ein so wichtiges Thema in der modernen Onkologie.
Welche Fragen sollten Patientinnen und Patienten stellen?
Wer die Diagnose Lungenkrebs erhält, wird häufig mit sehr vielen neuen Informationen konfrontiert.
Es kann hilfreich sein, sich auf Gespräche mit dem Behandlungsteam vorzubereiten.
Mögliche Fragen sind beispielsweise:
- Um welche genaue Form von Lungenkrebs handelt es sich?
- Wurde der Tumor molekular untersucht?
- Welche Biomarker wurden bestimmt?
- Welche Behandlungsmöglichkeiten kommen infrage?
- Ist eine Immuntherapie eine Option?
- Welche Nebenwirkungen können auftreten?
- Welche Alternativen gibt es?
- Was ist das Ziel der empfohlenen Behandlung?
Patientinnen und Patienten sollten sich nicht scheuen, Fragen mehrfach zu stellen oder um eine verständliche Erklärung zu bitten.
Moderne Krebstherapie wird immer individueller
Die Fortschritte der vergangenen Jahre zeigen, wie stark sich die Behandlung von Lungenkrebs verändert hat.
Operation, Chemotherapie und Bestrahlung bleiben wichtige Bestandteile der Therapie. Gleichzeitig ermöglichen Immuntherapie, molekulare Diagnostik und zielgerichtete Medikamente immer differenziertere Behandlungskonzepte.
Entscheidend ist dabei, die individuelle Erkrankung möglichst genau zu verstehen.
Im Thorax Schweiz Podcast erklärt Dr. med. Andreas Jakobs gemeinsam mit den Hosts Dr. med. Roland Kuster und Tariq Abu-Naaj, welche Rolle die moderne internistische Onkologie bei der Behandlung von Lungenkrebs spielt und welche neuen Möglichkeiten sich daraus für Patientinnen und Patienten ergeben.
Die Podcastfolge finden Sie:
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Weitere verständliche Informationen zu Lungenkrebs, Diagnostik und modernen Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auf thorax-schweiz.ch.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche medizinische Beratung. Bei akuter starker Atemnot oder einer raschen Verschlechterung des Gesundheitszustandes sollte unverzüglich medizinische Hilfe angefordert werden.